Volkstrauertag: Erinnern als Auftrag für die Zukunft
Die Oberjosbacher bewahren ihre Tradition und halten am Volkstrauertag nach dem Gottesdienst ein kurzes Gedenken am Ehrenmal ab. Gedacht wird den Opfern der beiden Weltkriege, aber auch von Krieg, Terror und Gewalt bis heute und auf der ganzen Welt.
Vertreter der Feuerwehr stellten eine Ehrenwache und sorgten mit ihren Fackeln für einen würdigen Rahmen. Nach einem kurzen Lied der Blechbläser begrüßte Ortsvorsteher Scheurer die Versammelten und hielt eine eindrückliche Ansprache, die wir gekürzt hier wiedergeben. Im Anschluss sprach Bürgermeisterin Maier-Frutig und Pfarrer Brast betete für die Opfer und für Frieden.
Gekürzte Rede des Ortsvorstehers Ralf Scheurer
Am diesjährigen Volkstrauertag erinnerte der Ortsvorsteher in seiner Ansprache an die erschütternden Dimensionen und Folgen des Zweiten Weltkriegs. Sechs Jahre und zwei Tage dauerte dieser Krieg – 2.194 Tage voller Leid. Im Durchschnitt verloren jede Minute 21 Menschen gewaltsam ihr Leben. Insgesamt starben über 65 Millionen Menschen; mehr als die Hälfte von ihnen waren Zivilisten. Etwa 6,3 Millionen Todesopfer entfielen auf Deutschland. Keine Familie blieb von Verlusten verschont.
Herr Scheurer betonte, dass der Krieg nicht isoliert betrachtet werden könne. Seine Wurzeln reichen zurück bis zum 30. Januar 1933 – dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur. Mit dem Wissen von heute ergebe sich ein klare historische Einordnung: Erst die vollständige Niederlage und Besetzung Deutschlands beendete das NS-Regime und ebnete den Weg zur Gründung der freiheitlich-demokratischen Bundesrepublik im Jahr 1949. Deshalb ist der 8. Mai 1945 als ein „Tag der Befreiung“ zu verstehen.
Erinnerung, so der Ortsvorsteher, sei kein abgeschlossener Prozess, sondern ein fortwährender Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Doch mit dem Sterben der Zeitzeugen schwinde die direkte Erinnerung an Krieg, Gewaltherrschaft und Vertreibung. 80 Jahre nach den Ereignissen würden die Grenzen kollektiver Erinnerung zunehmend spürbar. Umso wichtiger sei es, bewusst zu erinnern, gerade weil sich Geschichte nicht wiederhole – aber ihre Warnungen für die Gegenwart weiter gültig bleiben.
Die Welt habe sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Geopolitische Spannungen, ökologische Krisen, digitale Umbrüche und das Erstarken extremistischer Kräfte stellten die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund sei Erinnerung nicht nur Rückblick, sondern Orientierung: ein Kompass, der in Richtung Frieden, Freiheit und Demokratie weist.
Zum Abschluss rief der Ortsvorsteher dazu auf, den Auftrag der Vergangenheit ernst zu nehmen:
„Die Toten mahnen uns, Sorge dafür zu tragen, dass wir und unsere Kinder die Schrecken von Krieg und Totalitarismus nicht erleben müssen. Unser Auftrag lautet, gemeinsam für Frieden, Freiheit und Demokratie einzustehen."